Das Porzellanmuseum

10 Jahre Porzellanmuseum im Augarten

RÜCKBLICKE UND AUSSICHTEN ZUM JUBILÄUM

Wie kommt eine Semmel ins Museum?

Wir feiern!

Porzellanmuseum im Augarten. Seit 2011

Eine Porzellanmanufaktur macht Geschichte. Eine Geschichte, die bewahrt und erzählt werden soll. Die greifbar wird und der Gegenwart etwas bieten kann. 

Seit der ersten Porzellanproduktion in Wien sind mittlerweile mehr als 300 Jahre vergangen. Es muss eine Sensation gewesen sein, als die zehn Mitarbeiter der damals, wie heute, privaten Manufaktur die ersten gelungenen Porzellane aus dem Brennofen holten. Am 27. Mai 1718 erhielt Claudius Innocentius du Paquier und seine drei Teilhaber das Recht auf ihr Monopol, unter kaiserlichem Schutz.

Mut und Fantasie gehörten dazu, sich an die Gründung einer Porzellanmanufaktur zu wagen. Daran hat sich bis heute wenig geändert. Die kühnen Gebilde aus zartem Porzellan zeigen einen lustvollen Umgang mit dem damals in Europa neuen Material. Das verspielte 18. Jahrhundert fand darin sein ideales Ausdrucksmittel. Über all die Epochen seit 1718, mit wechselndem Geschmack, mit neuen Besitzverhältnissen und unter Direktoren mit unterschiedlichen Zielen waren immer wieder Reformen, Neuanfänge und Stilwechsel erforderlich. 

Dann begann das 21. Jahrhundert. Die Wiener Porzellanmanufaktur, seit 1923 im ehemals kaiserlichen Augarten ansässig, stand einmal mehr zwischen den Stühlen aus Tradition und Fortschritt. Ein in Entscheidungsfindungen erfahrener neuer Eigentümer erhielt im September 2003 den Zuschlag. Die Porzellanmanufaktur war in privater Hand. Mit diesem Schritt wurde dieser Schatz österreichischer Kultur für die Zukunft erhalten.

Auf Wunsch und Initiative des Eigentümers wurde das Schlossgebäude, eigentlich eine Art  "Maison de Plaisance", ein Lustgebäude, aufwendig restauriert und adaptiert. Ein neues Museum sollte die Geschichte des Wiener Porzellans erzählen und die hauseigene Sammlung des 20. Jahrhunderts durch wertvolle Originale des 18. und 19. Jahrhunderts erweitert werden. Das Erbe zu pflegen, die facettenreiche Geschichte des Wiener Porzellans und die Möglichkeiten des Materials mit einem Blick auf die Gegenwart und Zukunft zu betrachten sind die Anliegen und Aufgaben des PORZELLANMUSEUMS IM AUGARTEN.

Und das Pferd?

Am 21. Juni 2011 wurde das PORZELLANMUSEUM IM AUGARTEN mit einem heiteren Sommerfest unter der Schirmherrschaft von Margit Fischer, der Gattin des damaligen Bundespräsidenten, feierlich eröffnet.

Das Museum ist der Manufaktur zur Seite gestellt. Diese Symbiose ermöglicht, die künstlerischen Ideen und Geschichten der historischen Objekte aufzuspüren, aber auch täglich den aufregenden, auf jahrhundertealtem Wissen basierenden Schöpfungsprozess zu erleben. Die Welt aus der Perspektive einer Porzellantasse zu betrachten klingt frivol, ist aber überraschend vielschichtig.

Seit zehn Jahren beschäftigt sich das Museum in seinen Ausstellungen mit den unterschiedlichsten Themen der Kunst- und Kulturgeschichte, aber auch des Lebensgefühls der Vergangenheit und Gegenwart im Kontext des einzigartigen Materials Porzellan. 

Für das Jubiläumsjahr haben wir eine oft gesehene Ikone der Wiener Porzellanmanufaktur Augarten als Leitmotv gewählt, um mit ihrer weniger bekannten Ursprungsgeschichte einen Schritt hinter die Kulissen des allzu Vertrauten anzuregen. Der vorausschauende Reiter und sein Pferd verbinden die Zeiten, sie passen zu uns. 

Die originale "Piaffe" von 1926 mit Inschrift der Spanischen Reitschule zeigt einen Lipizzaner bei der Übung einer Figur der Dressurkunst. Die edlen "Pferde wie Schnee" wurden seit 1580 in Lipizza für Erzherzog Carl gezüchtet. Die Ausbildung der Tiere galt als adelige Tugend. 1735 vollendete der Architekt Joseph Emanuel Fischer von Erlach den Bau der Winterreitschule im Michaelertrakt der kaiserlichen Hofburg in Wien.

Mit dem Ende der Monarchie im Jahr 1918 versuchte der letzte Hofoberbereiter Mauritius Herold, der hier auch in Porzellan porträtiert ist, das Schicksal der Reitschule zu sichern. Durch neue Konzepte, Tourneen und Vorstellungen in Wien konnte sie schließlich erhalten werden. 1925 entwarf der Bildhauer Albin Döbrich im Auftrag der Manufaktur Augarten fünf verschiedene Porzellanmodelle als kostbare Souvenirs für die Gäste der Dressurschauen, auch damit wurde die Reitschule unterstützt.

Die "Piaffe" ist eine Verzierung des Trabs und erfordert "munteres und zugleich geduldiges Temperament", denn sie wird konzentriert auf der Stelle tänzelnd ausgeführt. Und sie dient als Vorbereitungsübung für Sprünge. 

Der Reiter und sein Lipizzaner werden Sie im Jahr 2021 immer wieder überraschen. 

Und die Semmel? Sie wurde als Exponat für die erste Ausstellung erworben und ist ein Lieblingsobjekt des Museums. In der Wiener Tradition gehört die Kaisersemmel zum Frühstück oder wie schon bei Maria Theresia, auch unbedingt auf die Festtafel. Für ein Wallfahrts-Mittagessen des Kaiserpaares mit kleinem Gefolge in Stift Klosterneuburg zu Leopoldi 1762 wurden 600 Semmeln vorbereitet. Und 3 Kisten Champagner. Diese Semmel ist aus Porzellan und im Jahr 1864 nach einer echten, golden gebackenen Semmel modelliert und appetitlich bemalt.

Die Kaisersemmel verbindet Jahrhunderte und verkörpert die dekorative Verspieltheit des Materials Porzellan. Zum Vergnügen der Gastgeber und zum Staunen ihrer Gäste wurden Speisen seit der Barockzeit mit Porzellan effektvoll inszeniert. Warum aber eine scheinbar alltägliche Semmel aus Porzellan? 

Als lustiges Täuschungsmanöver bei Tisch? Das noch heute von Bäckerhand "gewirkte" Semmerl mit seinem fünfstrahligen Stern und der kantigen Kruste war damals ein luxuriöses Weißgebäck. Heute ist es als kulinarisches Erbe Österreichs geschützt. Übersetzt in Porzellan zeigt es alle Merkmale der perfekten Bäckerkunst. War die Porzellansemmel ein Lehrobjekt?

Das PORZELLANMUSEUM IM AUGARTEN hält viele Geschichten bereit. 

Mit einem Rückblick auf die beliebtesten Ausstellungen seit 2011 feiern wir an dieser Stelle, jeden Monat neu.

Rückblicke

Die beliebtesten Ausstellungen Seit 2011

JEDEN MONAT NEU

MAI

WILD & FREI

TIERE AUS PORZELLAN

1923 bis heute

19. April bis 15. Oktober 2016

Wild und frei zu sein erlauben sich die Menschheit und ihre Gesellschaften zu selten. Oft werden diese Eigenschaften lieber in die Tierwelt projiziert und dieselbe trotzdem vorsichtshalber gezähmt. Die Sonderausstellung des Jahres 2016 im Porzellanmuseum im Augarten betrachtete Tierdarstellungen aus Porzellan unter verschiedenen Aspekten und Standpunkten der Wissenschaft, Kunstgeschichte und Moden ihrer Zeit. Das Ausstellungsdesign von Sebastian Menschhorn sorgte mit Handzeichnungen in den Vitrinen für "Lebensraum". Ein Tisch mit Präriedesign auf der Glasbrücke bildete die Bühne für eine Herde wilder Pferde, vor allem mit Modellen der Bildhauerin Karin Jarl.  Die Themenkreise stellten die Bedeutung der Tiere als Vorbilder und Trost für die Gemütswelt des Menschen in den Fokus, aber auch die Problematik dieses Zugangs.

Die Ausstellung konnte aus einem reichen Schatz an Tiermodellen vor allem der 1920er und 1930er Jahre schöpfen. Nicht zuletzt gehörten Tiere zu den wichtigsten Motiven der plastischen Produktion im Augarten. Von humorvoll oder grotesk (aus menschlicher Sicht interpretiert) über naturalistisch oder dekorativ zu elegant und rührend, spiegeln die Porzellantiere der Wiener Manufaktur eine Vielfalt menschlicher Emotionen.

Die Entdeckung der Natur als Quell der Gesundheit und damit der Tiere als Seelenpfleger des Menschen führte um 1930 zu gitterfreien Tiergärten, um der Stadtbevölkerung Frischluft und möglichst authentische und paradiesische Einblicke zu bieten. Dieser Versuch eines naturverbunden Lebensstils von Mensch und Tier wurde auch in der Kunst und Literatur, dem Kinderbuch und der Populärwissenschaft der ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts aufgenommen. 

Die künstlerische Epoche des Art Déco schätzte gleichzeitig die ästhetischen Eigenheiten exotischer Tiere und nutzte die Grazie der Gazellen oder schlanker Windhunde in der Darstellung ihrer formalen Ideale.  

Der berührende "Affe auf Baumstamm" und der würdevolle "Sitzende Panther", 1924 von Franz Barwig für die Porzellanmanufaktur Augarten entworfen, basieren auf exakten Naturstudien, doch zeigen sie, auch in der Sockelgestaltung den stilisierten Ansatz des Art Déco.

Der "Papagei" von Michael Powolny aus dem Jahr 1946 als Ausstellungssujet greift stilistische Elemente dieser Epoche auf und ist ein seltenes und eindrucksvolles Beispiel einer großformatigen Porzellanplastik.

APRIL

WIENER ROSEN

Ein Porzellandekor macht Geschichte

22. Juni bis 6. Oktober 2012

Die Sommerausstellung des Jahres 2012 betrachtete die Entwicklungen des durch drei Jahrhunderte beliebtesten Porzellandekors, des Rosenmotivs.

Von den naturalistischen Rosen des Barock über klassizistische Blumenornamente bis zur Rose als Symbol des Freundschaftskultes im 19. Jahrhundert zeigten ausgewählte historische Beispiele den Wandel der Königin des Gartens in der Porzellanmalerei. 

1923 nahm die Porzellanmanufaktur Augarten die Rosa centifolia in ihr Repertoire auf, um die Tradition mit einer erfrischenden Dosis an Modernität weiter zu führen. Die Wiener Rose des Art Déco ist eine stilisierte und auf ihre wesentlichen Merkmale reduzierte Blüte, deren Eleganz in ihrer mit leichter Hand und sicheren Pinselstrichen gesetzten Schlichtheit besteht. Die vielen Schattierungen der Purpurfarbe ergeben eine plastische Impression der luftigen Blütenblätter. In der Variante Alt-Wiener Rose hingegen bleiben Details früherer Epochen erhalten, sie ist eine Hommage an die kaiserliche Manufaktur und die Blumenservice zur Zeit Kaiserin Maria Theresas.

Einzigartige historische Entwürfe aus dem Archiv der Manufaktur vermittelten einen Einblick in die Arbeitsweise der Maler und führten verschiedene Variationen des Themas vor. Figuren, wie Die Ersten Rosen von Ida Schwetz-Lehmann von 1924 oder der Rosengärtner von Mathilde Jaksch aus dem Jahr 1927 verbinden die Symbolik der Rose mit den figürlichen Kleinskulpturen des 18. Jahrhunderts und dem Anspruch der Moderne. Die liebliche und vielsagende Rose spielt sowohl in der Blumensprache der Romantik als auch in der Botanik und Gartenkunst sowie in der rein dekorativen Absicht eines Porzellandekors ihre zentrale Rolle. 

Ausgewählte Leihgaben, wie ein Frühstücksservice in Form von Rosenblüten von 1755 aus dem MAK, Wien, oder die klassizistische Tasse mit gestreuten Rosen auf Goldgrund von 1794 aus der Sammlung Marton bereicherten die Schau mit seltenen Beispielen. 

März

STADTSPAZIERGANG

LANDPARTIE

Wiener Ansichten auf Porzellan

30. September 2013 bis 22. Februar 2014

Die spielerisch inszenierte Ausstellung war eines der besonderen Highlights der vergangenen zehn Jahre. Erarbeitet mit dem Gastkurator A. Philipp Revertera, nach seiner Idee und mit seinem unkonventionellem Blick auf die Geschichte, konnte das PORZELLANMUSEUM IM AUGARTEN seine Besucherinnen und Besucher auf eine phantasievolle Zeitreise zu vergessenen oder gut bekannten Orten mitnehmen und die Porzellane als Träger einer Weltsicht vorstellen.

Die Vedute, ein Stadt- oder Landschaftsporträt, war eine der erfolgreichsten Sparten der Porzellanmalerei in Wien und eng mit der Entwicklung der Wiener Landschaftsmalerei sowie den zahlreichen Publikationen von Ansichtenalben verbunden. Auf Porzellan übertragen kamen die begehrten Veduten oft als diplomatisches oder sentimentales Geschenk von der Aufklärung bis weit nach dem Wiener Congress zum Einsatz. Phänomene wie die "Zimmerreise" waren zeittypische Reaktionen auf die Reiserestriktionen durch die Kriege und Krisen ihrer Zeit, die mit Fernweh und Wissensdurst einhergingen. 

Heute dokumentieren die Porzellane mit ihren Miniaturansichten oft eine nicht mehr existente architektonische oder landschaftliche Situation. Die Figurenstaffage zeigt dazu mit den Straßenszenen, Spaziergängern und Kinderspielen auch die Moden und gesellschaftlichen Modelle ihrer Zeit.

Die Ausstellung betrachtete diese besondere Kunst des Abbildes und die damit verbundenen Begriffe, wie Erinnerung, Identiät, Heimat, Realität oder Wunschbild. Über den historischen Rahmen hinaus entstand durch die Ausstellungsgestaltung von Barbara Fischer ein Bezug zum Jetzt mit dem Zeitgeist der urbanen Hot-Spots und der heutigen Souvenirkultur.

Die Leihgaben des MAK-Österreichischen Museums für angewandte Kunst/Gegenwartskunst, des Wien Museums, der Silberkammer, Wien, des Marton Museums, Samobor sowie Privatsammlungen konnten die vielfältigsten Aspekte des Themas illustrieren.

Februar

FEINES PORZELLAN - HOHE POLITIK

Zum Caffee beim Wiener Congress

1814 -1815

3. März bis 23. Mai 2015

Diese Sonderausstellung des Porzellanmuseum im Augarten betrachtete einen besonders feinen Aspekt der Diplomatie während des Wiener Congresses in den Jahren 1814 und 1815. Alle gekrönten Häupter, hochrangige Politiker, aber auch die kultivierten Schaulustigen und Chronisten dieses spektakulären und denkwürdigen Treffens in der kaiserlichen Residenzstadt ließen es sich nicht nehmen, der Porzellanmanufaktur einen Besuch abzustatten. Listen diplomatischer Geschenke, Tagebücher und Reiseberichte schildern die Bewunderung der hohen Kundschaft.

Die Ausstellung FEINES PORZELLAN, HOHE POLITIK konnte mit bedeutenden Exponaten der Congresszeit, darunter Leihgaben des MAK, Wien, der Silberkammer, dem Marton Museum, Samobor,  LIECHTENSTEIN. The Princely Collections, Vaduz-Wien, der Sammlung APR und weiteren internationalen Privatsammlungen den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen von den Koalitionskriegen bis zum Wiener Congress nachspüren. Immer mit einem Blick auf das fragile, aber durchaus mächtige  Porzellan. Vom Tischmonument für Erzherzog Carl bis zum patriotischen Frühstücksservice reichten die Zeitzeugen. Der symbolische Wert der exquisiten Kaffeetassen der Zeit stand im Mittelpunkt der Ausstellung. Miniaturbildnisse des Kaisers, des Fürsten von Metternich und selbst die Kaiserhymne finden sich als Motive. 

Die Tafeln des Wiener Congresses  wurden prächtig ausgestattet. Sogar mit Vortäuschung falscher Tatsachen- einem Porzellan mit Vollvergoldung, das jenes für die Finanzierung der Kriege gegen Napoleon eingeschmolzene kaiserliche Goldservice ersetzen musste. Glanzvolle Feste für 10.000 Gäste und die tägliche Verpflegung der Delegationen waren eine logistische Meisterleistung. Und Vergnügen war schließlich der wirkungsvollste  Schlüssel zum diplomatischen Erfolg. 

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