In ihren Art Déco Figuren zeigt Vally Wieselthier ihr künstlerisches Geschick

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Die Frau als Künstlerin aber auch modern interpretiert als Kunstobjekt

Valerie Wieseltier, die Tochter eines Rechtsanwalts, wurde 1895 in Wien geboren, wo sie 1914 ein Studium an der dortigen Kunstschule für Frauen und Mädchen begann. Koloman Moser, Josef Hoffmann, die Gründer der Wiener Werkstätte (WW) und Michael Powolny, Protagonist des Wiener Keramikstils der Jahrhundertwende, waren ihre Lehrer. Noch während des Studiums begann sie für die Wiener Werkstätte zu arbeiten. Dort war sie bald tonangebend unter dem Dutzend Frauen, die damals entscheidend für den Stilwandel vom Jugendstil zum Art déco der 20er-Jahre waren. Die Abkürzung WW wurde deshalb als “Wiener Weiberwirtschaft” oder “Wiener Weiberkunstgewerbe” verspottet. Man bemäkelte die “unerhörte Pupperlwirtschaft”, ihren “tändelnden Werkstättengeschmack” von “klebriger Süßigkeit”, dem etwas “Gesprageltes, Überspitztes, Affektiertes, Gekitzeltes, Falsches, Unechtes und vor allem Überflüs-siges” anhafte. Aber der Erfolg setzte bereits damals die vielen Kritiker ins Unrecht.

Vally Wieselthier konnte es sich jedenfalls leisten, 1922 ihre eigene Keramische Werkstätte aufzumachen und die Wiener Werkstätte fortan mit Kommissionsware zu beliefern. Sie beschränkte sich jedoch nicht auf die expressiven, farbenfrohen Keramikskulpturen, die längst als Inbegriff der selbstbewussten, modernen Frau der 20er-Jahre galten. Sie entwarf auch Gebrauchsgeschirr, Textilien oder Glas, unter anderem für Lobmeyr in Wien. Diese Arbeiten werden aktuell allerdings vom Kunstmarkt nicht honoriert. Ihre Köpfe und Figuren hingegen erfreuten sich großer Beliebtheit

Mit der Gründung der Manufaktur im Augarten im Jahr 1923 war ein neues Zeitalter angebrochen. Auch jetzt spiegeln Frauendarstellungen in Porzellan das Frauenbild der bestehenden Gesellschaft. Durch die Wiener Werkstätte und die Kunstgewerbeschule waren Frauen in die Position der Gestalterinnen gerückt, wenn auch zunächst als „Keramikweiber“ belächelt, und veränderten somit die Wahrnehmung des Weiblichen: Eitel oder frech, sanft oder sportlich, mädchenhaft oder verrucht. Von Künstlerinnen entworfene Porzellane nehmen an der legendären Exposition des arts décoratifs von 1925 in Paris teil. Neben ihren Lehrern, wie Josef Hoffmann oder Michael Powolny, erreichen beispielsweise Vally Wieselthier oder Ena Rottenberg bemerkenswerte Erfolge, wenn auch in den folgenden Jahrzehnten nur wenige Künstlerinnen dem Vergessen entrinnen konnten.

Die zarte Art Déco Figur MÄDCHEN MIT DEM AFFEN ist eine besonders eindrückliche Schöpfung der Porzellankünstlerin, die sie 1925 für die Porzellanmanufaktur Augarten entwarf.

Nachdem Vally Wieselthier 1928 bei der großen Kunstgewerbe-Ausstellung in New Yorks Metropolitan Museum viel Beachtung fand, kehrte sie Wien den Rücken. Sie blieb in der Neuen Welt, wo sie fortan die amerikanische Keramik in ihrem Spagat zwischen Kunst und Serienproduktion wesentlich beeinflusste. Mit gerade mal 50 Jahren starb sie in New York.